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“Wer eine 12qm-Wohnung bauen möchte, bekommt die auch"

“Wer eine 12qm-Wohnung bauen möchte, bekommt die auch"

Über Architektur, Nachhaltigkeit und Wohnsuffizienz

Bildnachweis: werk.um Architekten
Bildnachweis: werk.um Architekten

Finanziell lohnt es sich für Architekt:innen, größere Gebäude zu bauen, denn ihr Umsatz steigt tendenziell mit der Quadratmeterzahl. Dies ist eine der vielen grundlegenden Erkenntnisse, die ich als Politikwissenschaftlerin über die Spielregeln von Architektur und Wohnungsbau im Rahmen von OptiWohn gelernt habe. Sie ist ungemein wichtig, um zu verstehen, warum Wohnsuffizienz für viele Architekt:innen (und nicht nur die) ein vollständiges Umdenken bedeutet und einer Revolution nahe kommt. Und das, obwohl die Nachfrage nach “nachhaltiger Architektur” steigt: Energieeffizienz ist ein Grundprinzip des Neubaus und auch die Nutzung nachwachsender Rohstoffe gewinnt im Gebäudesektor immer mehr an Bedeutung. Die Tatsache, dass sich unsere Kolleg:innen vom Architekturbüro werk.um mit ihrer Spezialisierung auf Holzbauweise erfolgreich am Markt platzieren konnten, bestätigt dies.

Die Idee der Wohnraumsuffizienz – im Grunde der Suffizienz generell – widerstrebt aber nicht nur dem Geschäftsmodell vieler Architekturbüros, sondern unserer gesamtgesellschaftlichen Wachstumslogik. Sie läuft nicht zuletzt quer zum Nachfragemuster von Bauherr:innen. Umso erstaunlicher ist es, dass wir Architekt:innen gefunden haben, die vollumfänglich hinter der Idee des suffizienten Wohnens stehen. Ganz offensichtlich gibt es auch in der Architektur Idealist:innen.

 

“Es macht bestimmt auch Spaß Luxushäuser zu planen, aber Architekt:innen können mehr als nur schicke Designs”, sagt Milena Kristen.

 

Unsere Projektpartner:innen Arne Steffen und Milena Kristen vom werk.um kamen auf unterschiedlichen Wegen zur Suffizienz: Arne – in eigenen Worten groß geworden in der Zeit der “Grenzen des Wachstums” – erzählt lebhaft von dem Öko-Zahnarzt, dem er als Kind häufiger Besuche abstatten musste. Dieser habe die ganze Familie indoktriniert und bei jedem Besuch eindringlich über die Krise von Umwelt und Klima gesprochen. Das hat Wirkung gezeigt. In seinem Architekturstudium in den 1980ern hat sich Arne bemüht, so viele Kurse wie möglich mit Bezug zu Umwelt- und Klimathemen zu belegen. 

 

Milena dagegen erzählt vom Hausbau ihrer Eltern. Damals war sie ca. 10 Jahre alt und hat bewusst miterlebt, wie sich Ihre Eltern für ein Eigenheim mit kleinerer Wohnfläche entschieden haben: “Ich hab mich immer gewundert, warum sie sich kein großes Haus gebaut haben. Sie wollten es irgendwie klein belassen und haben schon damals bedacht, dass sie da irgendwann alleine wohnen.” Milenas Eltern haben ihre Wohnfläche am Bedarf und nicht am sozio-ökonomischen Status ausgerichtet. Diese grundlegende Idee trägt Milena durch ihr Bachelorstudium, sie beeinflusst die Auswahl ihres Masterstudiums und führt schließlich zu werk.um, wo Nachhaltigkeit und Bedarfsorientierung groß geschrieben werden. Dort treffen sich dann Ökologie und Soziales im Themenfeld der Suffizienz.


Wie können wir den Wohnraumbestand suffizienter nutzen?

Suffizientes Wohnen kann zum Beispiel gemeinschaftliches Wohnen in WGs, im Cluster oder in Mikroapartments sein. Sie unterscheiden sich vor allem im Bezug auf die Frage, welche Räume gemeinschaftlich genutzt werden und welche Räume jedem Haushalt zur exklusiven Nutzung zur Verfügung stehen. Grob steigt der Anteil der gemeinschaftlich genutzten Räume desto weiter wir uns vom Mikroapartment über das Cluster hin zur Wohngemeinschaft bewegen. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen jedoch, dass auch gemeinschaftliches Wohnen nicht automatisch zu einer verringerten Personenwohnfläche führt.


 

Aber was genau bedeutet nun Suffizienz für die Architektur? Wie überträgt man ein solches – zugegeben diffuses – Konzept in Grundrisse und Entwürfe? Dieser Frage stellen sich Arne und Milena im Rahmen von OptiWohn. In Anlehnung an die Gebäudetypologie des Instituts für Wohnen und Umwelt betrachten sie Suffizienzpotenziale. Sie möchten in einem Katalog 20-25 unterschiedliche Grundrisse, die im deutschen Wohnraumbestand besonders häufig vorkommen, nach Suffizienzkriterien umgestalten. Für jeden Grundriss überlegen sie, welche Maßnahmen umgesetzt werden müssen, um eine Nutzung als Wohngemeinschaft, als Wohncluster oder in kleineren, aber vollständig separierten Wohneinheiten zu ermöglichen. Diese Entwürfe setzen sie dann in Relation zur Personenwohnfläche und deuten über die Eingriffstiefe die Kosten für den Umbau an. Am Ende soll ein Katalog von 20-25 inspirierenden Beispielen entstehen, der Anfang 2021 veröffentlicht wird. 

 

Sie nehmen als Ausgangspunkt zum Beispiel die Grundrisse einer typischen Mehrfamilienhaussiedlung im Rhein-Main Gebiet, die in den 1960ern gebaut wurde und experimentieren: Welche Wände müssen abgerissen oder neu gezogen werden um aus zwei Wohneinheiten mit über 85 Quadratmetern Wohnfläche zwei Wohngemeinschaften für je 4 Personen, vier Clusterwohnungen für je 1-2 Personen mit einem Gemeinschaftsraum oder vier einzelne Wohneinheiten für 1-2 Personen zu machen? Mit welchen Kosten muss gerechnet werden? Und welche Auswirkungen hat dies auf die erwartete Personenwohnfläche?

Bildnachweis: werk.um Architekten
Bildnachweis: werk.um Architekten

Eines stellen sowohl Arne, als auch Milena im Gespräch klar: Die Architektur baue, was die Auftraggebenden wünschen. Ob und wann ein solcher Umbau notwendig, sinnvoll und möglich sein kann, hängt also von vielen Faktoren ab. Nicht zuletzt muss hier der lokale Bedarf ermittelt werden: Wenn vor allem junge Familien auf der Suche nach 4-Zimmerwohnungen am fehlenden Angebot scheitern, dann sollten diese Wohnungen gerade nicht verkleinert und umgebaut werden. Eine Suffizienztypologie ist eben keine Blaupause, die sich über alle Städte legen lässt.

 

"Architekt:innen schaffen die Voraussetzungen, dass die Menschen nachhaltig leben können", sagt Arne Steffen.

 

Für ein klimaneutrales Deutschland in 2035 muss der Bestand nicht nur viel schneller energetisch saniert werden als bisher, sondern auch viel besser genutzt werden. Eine Suffizienztypologie ist zwar keine Blaupause, aber sie wird den Paradigmenwechsel durch Inspiration vorantreiben. Sie zeigt, was möglich wäre, wenn idealistische Architekt:innen am Markt auf suffizienzorientierte Akteure treffen.


Autorin:

Michaela Roelfes

Michaela Roelfes ist Sozial- und Politikwissenschaftlerin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsbereich Stadtwandel am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Im Projekt OptiWohn unterstützt sie die Projektkoordination und beschäftigt sich zum ersten Mal systematisch mit Wissenschaftskommunikation.